Die Orgelbauerfamilie 
Schulze

Erklingt der Ort Paulinzella, so denkt man an die berühmte romanische Klosterruine. Hier lebte und arbeitete Johann Friedrich Schulze, der mit vier seiner sechs Söhne – Edmund, Oskar, Eduard und Herwart – Orgelwerke schuf, die Weltruhm erlangten. Gehen wir im Stammbaum der Schulzes zurück.

I. Generation: Hans (Johann) Heinrich Schulze (Lebensdaten unbekannt)

Er war bereits Orgelbauer und „neben kleineren Neubauten etliche Orgeln repariert hatte“.


II. Generation: Hans Elias Schulze (1688–1762)

lebte in Solsdorf. Er bat seinen Landesherrn, den Fürsten Friedrich Anton von Schwarzburg-Rudolstadt um das Orgelmacher-Privileg: „…wie von Jugend auf neben meinem Tischlerhandwerk ich auch das Orgelbauen exerciert, welches ich von meinem Vater seel erlernet hab, welcher ein guter Orgelmacher gewesen ist.“ Von Hans Elias Schulze ist in Unterwirbach ein heute nicht mehr vorhandener Orgelneubau von 1738 nachweisbar.


III. Generation:

Hans Heinrich Schulze (1716–1762) wirkte als Orgelbauer in Nottleben. Von ihm ist ein Instrument aus dem Jahr 1755 in Dachwig belegt. Aber auch diese Orgel existiert nicht mehr.

Johann Daniel Schulze (1720–1785) wirkte in Milbitz. Von ihm sind folgende Orgelbauten bekannt: 1749/50 in Oberhain (nicht erhalten), 1752 in Thälendorf, 1755/57 in der 1. Kirche „Zum Lobe Gottes“ in Königsee, um 1760 in Braunsdorf, in Gösselborn, 1760 in Rudolstadt, 1764 in Altremda, 1766 in Heilsberg (Umbau 1839 von J.F. Schulze), 1769 in Unterschöbling, 1773 in Könitz, 1776 in Ellichleben (restauriert), 1774–1780 in Milbitz (1870 Umdisponierung durch Edmund Schulze/Urenkel), 1779 in Engelsbach, 1779–1780 in Oberweißbach (1991 Überholung der 1894 umgebauten Orgel), 1780 in Cottendorf, 1780/1782 in Blankenhein, 1783 in Hochdorf u. a.


IV. Generation: Johann Andreas Schulze (1753–1806)

lebte und arbeitete in Milbitz. Von ihm sind Orgelbauten bekannt, aber meist nur das Gehäuse erhalten oder stark verändert: Rittersdorf, Hengelbach, Geilsdorf, Bücheloh, 1785 in Stadtilm, 1787 in Kleinhettstädt, 1791 in Quittelsdorf, 1796 in Kahla, 1798 in Auleben, 1799 in Haßleben, 1805 in Hochdorf.


V. Generation: Johann (Christoph) Friedrich Schulze (1793–1858)

Mit ihm und mit vier seiner sechs Söhne begann die Blütezeit der Orgelbauwerkstatt „J.F. Schulze und Söhne“, die Weltgeltung erlangte. Johann Friedrich wurde in Milbitz geboren. Mit 13 Jahren verlor er seinen Vater. Er erlernte das Handwerk des Orgelbauers bei Johann Benjamin Witzmann (1782–1814) in Stadtilm. J.B. Witzmann war vermutlich ein Schüler von J. Andreas Schulze. Witzmanns Sohn August ging später in die Lehre von J.F. Schulze. Das gegenseitige Ausbilden der Söhne war Tradition unter den Orgelbauern jener Zeit.

Johann Friedrich Schulze war ein einfacher Mann, der sich durch viel Fleiß und eigene Kraft zu einem berühmten Künstler emporgearbeitet hat. Bemerkenswert ist, dass nach seinen Mitteilungen sein künstlerisches Schaffen durch ein paar Ohrfeigen seines Vormundes in der Dorfschenke angeregt wurde.

1815 übernahm J.F. Schulze die Werkstatt in Milbitz und 1820 heiratete er. 1826 verlegte er die Werkstatt nach Paulinzella, wo er eine vorhandene Brettsägemühle erwarb und schrittweise neue Gebäude errichtete. Schon in Milbitz 1820 hatte Johann Friedrich einen Saal, in dem er eine Musterorgel vorführen konnte.

Der berühmte Organist und Orgelvirtuose Johann Gottlob Töpfer (1791–1870) lernte den jungen Orgelbauer Schulze beim Umbau der Weimarer Stadtkirche 1824–25 kennen und schätzen. Beide arbeiteten zeitlebens zusammen.

Die Produktion der Orgelbauwerkstatt Johann Friedrich Schulze und Söhne erreichte ab etwa 1850 bemerkenswerte Ausmaße. So arbeiteten zu diesem Zeitpunkt bis zu 30 Orgelbauer, Tischler und sonstige Arbeiter in seiner Werkstatt. Ab 1848 sind rund 140 ausgeführte Aufträge nachweisbar. Für die Expansion seines Betriebes spielte der Ausbau des Straßen- und Eisenbahnnetzes eine große Rolle. Mit dem Einsatz von Wasserkraft wurden ein Sägewerk und andere automatische Holzbearbeitungsmaschinen betrieben. Typisch verwendetes Material der Schulzes waren Holz und später zunehmend Zink.

Über die Vermittlung von Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, dem Ehemann Queen Victorias, erhielten die Schulzes eine Einladung zur „Great Exhibition“ von 1851 nach London, der größten Industrieausstellung jener Zeit. J.F. Schulze beauftragte seinen ältesten Sohn Edmund mit diesem Auftrag. Das Ergebnis war eine Goldmedaille, die der Orgelbauwerkstatt Tür und Tor öffnete.

Im Winter 1852/53 erkrankte der Seniorchef ernsthaft, arbeitete trotz seiner Lungenerkrankung weiter und blieb stets offen für die Neuerungen seiner Zeit. Am 09. Januar 1858 verstarb Johann Friedrich Schulze. Während sein Sarg auf dem Friedhof in Milbitz zur letzten Ruhe gebettet wurde, spielte der damalige Kantor auf der 1774 von Johann Daniel Schulze (Opa) gebauten Orgel.

(Erhaltene J.F. Schulze Orgeln in unserer Nähe: Horba und Rottenbach.)


VI. Generation (Firmenname ab ca. 1840: „Johann Friedrich Schulze und Söhne“)

  • Edmund Schulze (1824–1878) – Orgelbauer in Paulinzella, Meister der Intonation. Die Arbeiten an der Lübecker Marienorgel wurden für Edmunds weiteres Leben nicht nur in künstlerischer Hinsicht bedeutsam – lernte er dort seine Frau kennen, die er 1852 heiratete.

  • Oskar Schulze (1825–1878) – Orgelbauer, Physiker, Chemiker, Philosoph, Orgelbautheoretiker, Landtagsabgeordneter in Paulinzella

  • Richard Schulze (1828–1878) – Ökonom (Landwirt) in Gräfinau

  • Eduard Schulze (1830–1880) – Orgelbauer in Paulinzella

  • Franz Schulze (1832–1882) – Königlicher Musikdirektor in Naumburg, begnadeter Klavier- und Orgelspieler und Schüler von Franz Liszt

  • Herwart Schulze (1836–1908) – Bildschnitzer, zeitweise in Nordhausen. Die fein ausgeführten Holzschnitzereien an den Orgelgehäusen in aller Welt stammen aus der Hand dieses großen Meisters.


VII. Generation: Adolph Oskar Schulze (1857–?) – Sohn von Edmund Schulze, in den USA verschollen


Die Orgelbauwerkstatt „Johann Friedrich Schulze und Söhne“ ist Sinnbild deutscher Romantik. Präzisionsarbeit, innovative Forschung und brillante Intonationskunst der Schulzes wurden weit über die Landesgrenzen hinaus gerühmt. Konkurrenten versuchten so manches Detail zu kopieren, meist ohne Erfolg. Edmund Schulze soll von dieser Tatsache völlig unbeeindruckt gewesen sein. Er hat auf sein Ohr gedeutet und gesagt: „I can’t give them this!“

Schulzeorgeln wurden nicht nur für Thüringen gebaut, sondern deutschlandweit geliefert bis Bremen und Lübeck. Außerdem kamen Orgeln nach England (London, Armley bei Leeds, Harrogate) u. a., Ungarn, Russland, Nord- und Südamerika, Polen, Italien und Australien.

2014 wurden Orgelbau und Orgelmusik zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland erklärt. Seit Dezember 2017 sieht auch die UNESCO darin ein zu wahrendes immaterielles Kulturerbe. Deutschland hat die meisten Orgeln pro Kopf, gefolgt von Tschechien und Österreich – dann kommt eine große Lücke in der Länderwertung. In Deutschland hat das Bundesland Thüringen die meisten Orgeln.

Der Zustand der Orgeln in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Von den historisch einzustufenden Orgeln bis 1945 ist der größte Teil, wenn noch vorhanden, mindestens einmal verändert, umdisponiert oder völlig erneuert worden. Es gibt nur wenige authentische oder kaum veränderte Orgeln. Gründe dafür sind: kein Geld, kein Interesse, politische Gründe (DDR-Zeit), kein Organist, der das Instrument spielen könnte.

Wir hier in Königsee haben großes Interesse an unserer Schulze-Orgel, die DDR-Zeit ist vorbei und wir können auf eine begnadete Orgelspielerin verweisen, unsere Anne-Sophie Bunk. Aber wir brauchen viel Geld, um den nachfolgenden Generationen unseren Goldschatz zu erhalten.

Weg zur Kirche: Königsee Zum Lobe Gottes

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